Gelbe historische Postkutsche mit Dachreling in seitlicher Dreiviertelansicht. (KI-generiert)
Die gelbe Postkutsche war Linienverkehr: mit Fahrplan, Tarif und Pferdewechsel an festen Stationen.

Wer heute „Postkutschenstrecke" sagt, denkt an eine Route für den Ausflug. Historisch war eine Poststraße etwas anderes: ein vermessenes, verwaltetes und bepreistes Verkehrsnetz – Jahrhunderte bevor jemand eine Bundesstraße nummerierte. Große Teile davon sind noch im Gelände zu finden, wenn man weiß, worauf man achten muss.

Was eine Poststraße überhaupt war

Der Fachbegriff lautet Postkurs, daneben Poststraße, Postlinie oder Postroute. Gemeint ist eine Altstraße, die vorrangig von Postreitern und später von Postkutschen genutzt wurde, um Sendungen zu befördern.

Entscheidend ist der Unterschied zur gewöhnlichen Landstraße: Ein Postkurs war eine Strecke mit Betriebsorganisation. In festen Abständen lagen Poststationen, an denen die Pferde gewechselt wurden. Es gab Fahrpläne, Tarife und Zuständigkeiten. Wer die Strecke nutzte, bewegte sich in einem System – nicht einfach auf einem Weg.

Das Netz: sechs Knoten, ein Gerüst

Das Grundgerüst des deutschen Postverkehrs bildeten Botenkurse zwischen sechs Hauptorten: Augsburg, Nürnberg, Frankfurt, Köln, Leipzig und Hamburg. Wer die Karte dieser Verbindungen betrachtet, erkennt die Wirtschaftsgeografie des Alten Reiches – Messestädte, Handelsplätze, Flussübergänge.

Getragen wurde ein großer Teil davon von der Familie Thurn und Taxis, die 1595 von Kaiser Rudolf II. das Postregal im Reich erhielt. Ihr Oberpostamt für Südwestdeutschland lag in Cannstatt; das zugrunde liegende Kuriernetz ist seit 1490 belegt und reichte zur Mitte des 16. Jahrhunderts von Sizilien bis in die Niederlande und von Wien bis Lissabon.

Die Poststraße in Zahlen

Pferdewechsel
etwa alle 25 Kilometer an einer Poststation
Tagesleistung um 1800
20 bis 30 Kilometer
Tagesleistung um 1850
60 bis 75 Kilometer
Obergrenze pro Tag
75 bis 100 Kilometer, begrenzt durch die Wechselaufenthalte
Reisegeschwindigkeit
rund 2 km/h um 1700, etwa 10 km/h um 1850
Mittel inklusive Halte
etwa 5,5 km/h bei drei bis vier Pferdewechseln

Die Straße Leipzig–Dresden und die Vermessung eines Landes

Die am besten dokumentierte deutsche Poststrecke ist die Verbindung zwischen Leipzig und Dresden. An ihr entstand auch die Idee, die das gesamte sächsische Postwesen umkrempeln sollte.

Bereits 1695 schlug der sächsische Oberpostmeister Ludwig Wilhelm vor, diese Straße systematisch auszumessen und in regelmäßigen Abständen hölzerne Wegsäulen aufzustellen. Der Gedanke dahinter war nüchtern kaufmännisch: Nur wer Entfernungen verlässlich kennt, kann Portogebühren einheitlich berechnen.

Aus dem Vorschlag wurde ein Staatsprojekt. Mit dem Landtagsbeschluss vom 17. März 1722 wurde die Aufstellung steinerner Postmeilensäulen entlang der Poststraßen beschlossen. Dafür brauchte es ein einheitliches Maß – die kursächsische Postmeile. Adam Friedrich Zürner vermaß im Auftrag Augusts des Starken das gesamte Kurfürstentum.

Ruhende Kutschpferde im Schatten vor einem Gasthof mit gedecktem Tisch im Vordergrund. (KI-generiert)
An den Poststationen wurden die Pferde gewechselt – aus ihnen gingen viele der heutigen Gasthöfe hervor.

Postmeilensäulen: die sichtbarsten Spuren

Zwischen 1722 und 1823 wurden diese Säulen an allen wichtigen Post- und Handelsstraßen und in nahezu jeder Stadt des Kurfürstentums aufgestellt. Ihr barockes Erscheinungsbild nach antikem Vorbild geht auf den damaligen Oberlandesbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann zurück – denselben Baumeister, der den Dresdner Zwinger entwarf.

Ein Hinweis für die Spurensuche: Kursachsen war deutlich größer als das heutige Sachsen. Postmeilensäulen stehen deshalb auch in Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Polen. Wer eine findet, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer historischen Poststraße.

Wie eine Etappe ablief

  1. Ankunft an der Poststation. Die Station lag typischerweise nach 25 Kilometern – der Strecke, die ein Gespann zügig bewältigen konnte.
  2. Pferdewechsel. Frische Tiere wurden eingespannt, die eingefahrenen versorgt. Das kostete Zeit und drückte den Tagesschnitt.
  3. Verpflegung. Die Reisenden aßen, während gewechselt wurde. Aus dieser Notwendigkeit entstanden die Gasthöfe an den Poststraßen.
  4. Weiterfahrt. Drei bis vier solcher Wechsel pro Tag waren üblich – daraus ergaben sich die 75 bis 100 Kilometer Obergrenze.

Die Posthaltereien gaben der Post am Ende ihren Namen: posta im Sinne einer Versorgungsstation. Auch die Eilpostkutschen von Dresden über Chemnitz nach Nürnberg nutzten dieses Stationsnetz; zwischen Dresden und Nürnberg war zusätzlich einmal wöchentlich ein Reitposten unterwegs.

Wie Sie eine Poststraße heute erkennen

  • Postmeilensäulen und Distanzsteine – der eindeutigste Beleg, vor allem in Sachsen und den angrenzenden Ländern.
  • Gasthöfe „Zur Post" oder „Alte Post" – häufig die ehemalige Posthalterei, oft mit erhaltenen Stallgebäuden im Hof.
  • Straßennamen wie Poststraße, Postweg oder Alte Poststraße, gerade außerhalb der Ortskerne.
  • Ortsabstände von rund 25 Kilometern entlang einer alten Route – das ist kein Zufall, sondern der Pferdewechsel-Rhythmus.
  • Alleen und schnurgerade Abschnitte – Ergebnis des planmäßigen Straßenbaus, der die Reisegeschwindigkeit von 2 auf 10 km/h hob.
Hinweis: Historische Poststraßen verlaufen heute teils unter stark befahrenen Bundesstraßen, teils als Feld- oder Waldweg. Für eine Kutschfahrt kommen nur die verkehrsarmen Abschnitte infrage – welche das sind, weiß der ortskundige Betrieb am besten.

Und heute?

Ein durchgehendes Postkutschennetz gibt es nicht mehr; die Eisenbahn hat es ab der Mitte des 19. Jahrhunderts abgelöst. Was blieb, sind einzelne Abschnitte, auf denen sich fahren lässt – meist dort, wo die Landschaft den alten Verlauf konserviert hat: in der Lüneburger Heide, im Schwarzwald, im Alpenvorland und im Elbsandsteingebirge.

Der Reiz liegt weniger in der historischen Genauigkeit als im Maßstab. Eine Tagesetappe von 25 Kilometern war einmal eine vernünftige Leistung. Wer sie heute im Schritttempo zurücklegt, versteht binnen weniger Stunden, warum eine Reise von Leipzig nach Dresden früher kein Ausflug war, sondern ein Vorhaben.

Auf historischen Wegen fahren

Sagen Sie uns, welche Region Sie interessiert – wir schlagen Strecken vor, die dem alten Verlauf folgen und heute verkehrsarm genug für ein Gespann sind.

Unverbindlich anfragen →

Weiterlesen